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Neuerscheinung: Richard Strauss‘„Elektra“ und zwei unbekannte Fassungen der „Salome“

Neue Impulse für die Aufführungspraxis: Das Projekt „Kritische Ausgabe der Werke von Richard Strauss“ der Bayerischen Akademie der Wissen-schaften legt zwei unbekannte Fassungen der „Salome“ und eine Neuausga-be von „Elektra“ vor. Die Bände bergen großes Potential für Opernhäuser.

Die Richard-Strauss-Forschungsstelle publizierte jüngst die beiden Opernbände „Elektra op. 58“ und „Salome op. 54: Weitere Fassungen“. Bei „Elektra“ berücksichtigt der Notentext erstmals auch die vom Komponisten autorisierten Strich-Optionen. Der „Salome“-Band stellt gleich zwei weitgehend unbekannte Versionen vor: die originale von Strauss eingerichtete „Französische Fassung“ von 1905 und die authentische „Dresdner Retouchen-Fassung“ von 1929/30.

Weitere Fassungen der „Salome“ erstmals als Partitur
„Salomé“ in französischer Sprache war Richard Strauss ein besonderes Anliegen: Er wollte mehr als eine bloße (Rück-)Übersetzung vorlegen. Daher griff er auf den französischen Originaltext des Theaterstücks von Oscar Wilde zurück und schrieb die Gesangsstimmen vollständig neu, um sie perfekt an die Prosodie der Sprache anzupassen – ein singulärer Fall in der Operngeschichte. Diese ganz anders klingende Fassung liegt nun erstmals als Partitur gedruckt vor.
Auch die „Dresdner Retouchen-Fassung“ von 1929/30 ist Teil des neuen „Salome“-Bandes: eine Einrichtung für lyrischen Sopran in der Titelrolle, die 1930 in Dresden mit Maria Rajdl unter der Leitung des Komponisten Premiere feierte. Strauss lichtete hierfür gezielt die Orchesterbegleitung der Titelrolle, um diese mit einer lyrischen statt (wie üblich) dramatischen Stimme besetzen zu können. Hier zeigt sich ein interessanter Wandel in seiner Ästhetik, 25 Jahre nach der Uraufführung, und ein Verständnis der Salome als junges, fast naives Mädchen. Die „Retouchen-Fassung“ geriet ab den 1940er-Jahren in Vergessenheit, auch weil nur handschriftliche Quellen existierten, und steht nun als inte-ressante, womöglich zeitgemäßere Aufführungsoption der Praxis wieder zur Verfügung.

Kritische Ausgabe von „Elektra“
Die zwischen 1906 und 1908 komponierte „Elektra“ galt Richard Strauss in der Rückschau als Grenzüberschreitung – mit der Größe des Orchesterapparats, der komplexen Polyphonie und einer Harmonik, von der Strauss später behauptete, sie mit Abstand zum Werk selbst nicht ohne Weiteres auffassen zu können. Auch die sängerischen Anforderungen sind exorbitant. Nach ersten eigenen Dirigaten sah Strauss die Notwendigkeit, die „schlimmsten Steigerungen“ mit Rücksicht auf die Ausführenden abzumildern. Er nannte seinem Verleger Fürstner vier Striche und bat darum, diese den Theatern zu empfehlen. Ebenfalls autorisiert ist eine zweiaktige Fassung, die Strauss spätestens 1930 in einen Klavierauszug eintrug. Er teilte das Werk in der Mitte und strich dabei eine kurze Passage an der Aktgrenze. Sämtliche Striche gibt die Neuedition als optionale vide-Anweisungen wieder. Erläutert werden zudem die Hintergründe einer Fassung für reduziertes Orchester, die der Kapellmeister Otto Singer nach Strauss’ Vorgaben erstellte.

Von der Wissenschaft in die Musikpraxis
Das Akademieprojekt „Kritische Ausgabe der Werke von Richard Strauss“ hat seit seiner Gründung 2011 zehn Notenbände publiziert, die bereits in die Musikpraxis eingegangen sind: So erschien 2020 beim Label Sony die preisgekrönte Weltersteinspielung der Erstfassung der Cellosonate op. 6 durch Raphaela Gromes und Julian Riem. Die Kölner Oper erprobte schon 2018 unter François-Xavier Roth die Kritische Ausgabe für eine Produktion der „Salome“, die Staatsoper Hamburg hat die neuen Noten der „Elektra“ probegespielt und das hr-Sinfonieorchester Frankfurt bereits mehrfach die Tondichtung „Don Juan“ aus der neuen Edition aufgeführt. Die „Dresdner Retouchen-Fassung“ der „Salome“ wurde bereits von der Bayerischen Staatsoper und dem Theater Luzern verwendet.

Richard Strauss im Open Access:
Die Online-Plattform www.richard-strauss-ausgabe.de bietet zu den gedruckten Bänden ein umfangreiches, kostenfreies Angebot an Briefen, Rezensionen und synoptischen Darstellungen der edierten Gesangstexte im Abgleich mit ihren Vorlagen.

Das Projekt:
Das Projekt „Kritische Ausgabe der Werke von Richard Strauss“ (1864–1949) erarbeitet erstmals eine quellenkritische Edition der wichtigsten Werkgruppen im Schaffen von Richard Strauss: sämtlicher Bühnenwerke, Lieder, Orchester- und Kammermusikwerke. Geplant sind 52 Notenbände mit Kritischen Berichten sowie eine Online-Dokumentenplattform. Die Union der deutschen Akademien der Wissenschaften fördert das Projekt im Rahmen ihres Akademienprogramms.

Die Publikationen:
Richard Strauss: Salome op. 54. Weitere Fassungen: Französische Fassung und Dresdner Retouchen von 1929/30, hrsg. von Claudia Heine, LII+461 S., Wien: Verlag Dr. Richard Strauss 2021 (= Richard Strauss Werke. Kritische Ausgabe, Serie I, Bd. 3b).
Richard Strauss: Elektra op. 58, vorgelegt von Alexander Erhard, redaktionell überarbeitet, eingeleitet und um einen Kritischen Bericht ergänzt von Sebastian Bolz und Adrian Kech, LVIII+448 S., Wien: Verlag Dr. Richard Strauss 2020 (= Richard Strauss Werke. Kritische Ausgabe, Serie I, Bd. 4).

Rezensionsexemplare erhalten Sie über Schott Music GmbH & Co. KG
Melanie Schindel, Tel.: 06131 / 246-827 | melanie.schindel@schott-music.com

Kontakt:
BAdW-Projekt „Kritische Ausgabe der Werke von Richard Strauss“
Ludwig-Maximilians-Universität München | Institut für Musikwissenschaft
Geschwister-Scholl-Platz 1 | 80539 München

Prof. Dr. Hartmut Schick, Projektleiter: hartmut.schick@lrz.uni-muenchen.de
Dr. Claudia Heine (Ansprechpartnerin „Salome“) | claudia.heine@lmu.de
Dr. Adrian Kech (Ansprechpartner „Elektra“) | adrian.kech@lmu.de
Sebastian Bolz M.A. (Ansprechpartner „Elektra“) | sebastian.bolz@lmu.de